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Am kommenden Montag, den 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. Dieser Tag ist immer Anlass sich mit der Geschichte zu beschäftigen. So tat es auch  Marco Pellegrino, ein engagierter Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes Halle. Er schrieb einen Bericht  über eine Exkursion zur Gedenkstätte Buchenwald. Die Exkursion sollte deutschen Staatsangehörigen sowie Menschen mit Fluchterfahrung die Möglichkeit geben, sich mit der deutschen Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.  Eine zweite Exkursion wurde im Rahmen der Bildungswochen gegen Rassismus „Erinnern heißt aktiv sein!“  nochmals angeboten und durchgeführt. Dabei handelt es sich um ein gemeinsames Projekt des Frauenprojektes CarIMa und des Integrationslotsenprojektes des Malteser Hilfsdienstes in Halle. Die Exkursion beinhaltete ein Vorbereitungstreffen, die Fahrt zur Gedenkstätte, die Führung „Stolpersteine in Halle sowie ein abschließendes Nachbereitungstreffen der Exkursion.
Weil es uns ein dringendes Anliegen ist auf das Thema hinzu weisen , haben wir auf unserer Website  diesen Erfahrungsbericht komplett veröffentlicht.

 

Buchenwald: Besuch eines unmöglichen Ortes
von Marco Pellegrino


Ich möchte einen Text über einen Besuch der Gedenkstätte Buchenwald schreiben, doch das ist gar nicht so einfach. Wo kann ich anfangen? Schwierig. Ja, „schwierig“ ist das richtige Wort,
denn wie soll man den Besuch eines Ortes, an dem etliche Menschen auf grausamste Weise ermordet worden sind, denn beschreiben? Mir fällt das schwer. Doch fangen wir ganz von
vorne an, im Herbst vergangenen Jahres.
An einem verregneten Herbst-Nachmittag entdecke ich beim Surfen auf Facebook zufällig ein Exkursionsangebot der Malteser, das meine Neugierde weckt: eine Fahrt ins KZ Buchenwald
inklusive geführter Tour sowie inhaltlicher Vorbereitung auf die Exkursion. Das hört sich spannend an! Ohne lange zu zögern, melde ich mich sofort online für die Veranstaltung an.
Kurze Zeit darauf findet dann auch das Vorbereitungstreffen statt, und ich bin einerseits überrascht, aber andererseits auch erfreut ob der Vielfältigkeit unserer Gruppe, denn die
Teilnehmenden kommen aus verschiedenen Ländern. Viele von ihnen stammen aus Syrien.
Das Konzept ist für mich auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich, aber ich finde es gut, dass die Malteser versuchen, in dieser Hinsicht Brücken zu bauen zwischen Menschen aus
Deutschland und Menschen aus Syrien. Im Rahmen des Vorbereitungstreffens werden wir von Daniel Lucas, einem Judaistikstudenten der Martin-Luther-Universität ganz allgemein ins Thema Antisemitismus eingeführt und wir erfahren auch ein paar grundsätzliche Dinge über die Gedenkstätte Buchenwald. Ich habe mich schon vorher mit Buchenwald beschäftigt, weshalb die meisten Infos für mich nicht neu sind. Ein Gedanke verfestigt sich jedoch in meinem Kopf: Buchenwald ist nur wenige Kilometer von Weimar entfernt. Das war mir bereits klar, aber mir wird jetzt erst bewusst, wie unfassbar das ist. Ja, eigentlich kann das gar nicht sein. ES IST ABER SO. Wenige Wochen später, an einem Samstag, ist es so weit und wir treffen uns frühmorgens zur gemeinsamen Abreise am Hauptbahnhof in Halle.

Während der Autofahrt bin ich etwas angespannt. Wie wird dieser Ort Buchenwald sein? Was
werde ich dort sehen und empfinden? Diese und viele weitere Fragen gehen mir durch den Kopf. Mich bewegt die Unfassbarkeit der von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen. Ich engagiere mich seit einigen Jahren gegen aktuelle faschistische Bewegungen. Besonders an diesem Samstagmorgen quält mich die eine Frage: WIE KONNTE DAS PASSIEREN?
Dann denke ich an das, was in Deutschland seit 2015 passiert. Da ist die sogenannte Flüchtlingskrise, Hetze gegen Geflüchtete, der Aufstieg der AfD, die Verbreitung von
Gedanken des Hasses in der Gesellschaft. Ich nehme eine Verrohung mit all ihren Begleiterscheinungen wahr. Ich denke an die Drohungen, die ich von Neonazis aufgrund meines Engagements für Geflüchtete erhalten habe. Ich denke an eine Informationsveranstaltung der Stadt Halle in der Marktkirche, welche von Neonazis zur Verbreitung ihrer Hass-Propaganda genutzt wurde.
Ich denke an den Brandanschlag auf die Gaststätte Goldene Rose, welche als Treffpunkt für Geflüchtete fungierte. Unzählig sind die Beispiele dafür, was ich seit Ende 2015 alles an Hass
erlebt und gesehen habe. Für mich hat sich Deutschland in den letzten Jahren spürbar verändert. Hat das damals auch so angefangen? Hat dieser Hass sich nach und nach seinen Weg gebahnt, bis irgendwann auf Worte Taten folgten? Gewiss, der Vergleich mit der NS-Zeit ist schwierig. Die politischen Gegebenheiten sind heute ganz andere. Der Holocaust wird sich nicht einfach wiederholen.
Trotzdem: ich bin bei dieser Exkursion dabei, weil die Vergangenheit mir dabei helfen soll, die Gegenwart besser zu verstehen. Weniger als zwei Stunden Fahrt später sind wir am Zielort, dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Hier werden wir von Julia Treumann, einer Mitarbeiterin der Gedenkstätte, empfangen. Meine ersten Eindrücke auf dem Weg zum Seminarraum: Buchenwald ist ein hässlicher Ort. Wie sollte es auch anders sein? Das herbstliche Wetter tut sein Übriges. Gefühlt befinden wir uns am kältesten Ort von
Deutschland. Es ist grau. Es ist kahl. Um uns herum ist Wald. Doch er scheint nicht zu schützen. Das KZ ist wie etwas, das gewaltsam eingefügt wurde. Etwas, das eigentlich gar nicht sein sollte. Es wurde trotzdem erschaffen. Es ist immer noch spürbar, immer noch existent.

Jetzt sind wir im Seminarraum. Einzeln stellen wir uns vor. Wir erzählen einander von unseren Wünschen und Vorstellungen. Einige sprechen ganz konkret von ihrer Motivation, die
Gedenkstätte zu besuchen. Ich merke, dass der Besuch dieses Ortes alle emotional berührt. Die Gründe sind völlig unterschiedlich. Am meisten beeindruckt mich die Wortmeldung einer jungen Frau. Sie erzählt, dass ihr Opa am Massenmord mitgewirkt hat. Sie ist hier, weil sie versucht, dies zu verstehen und zu verarbeiten. Das Gespräch ist aufwühlend und emotional, aber es ist auch eine gute und wichtige Vorbereitung auf die Führung durch das KZ.
Der Rundgang beginnt mit der Zufahrtsstraße zum KZ. Wir gehen, wie die damaligen Häftlinge Richtung Lagereingang. Hier ist es, das berühmt-berüchtigte Tor mit dem Schriftzug
ARBEIT MACHT FREI. Momentan tummeln sich hier mehrere Schulklassen auf einmal. Auf mich wirkt die Szenerie surreal. Ich denke daran, was hier vor knapp 80 Jahren geschehen ist. Wir gehen durch das Tor, an den Wachtürmen vorbei, ins eigentliche Lager. Einige Teile sind bis heute gut erhalten. Von den Baracken, in denen die Menschen zu Hunderten wie Vieh
eingepfercht waren, sind keine mehr übrig. Aus Angst vor späterer Strafverfolgung zerstörten die Nazis möglichst viele Beweise. Obwohl die Temperaturen für die Jahreszeit recht angenehm sind, überkommt mich auf den ersten Metern im Lager erneut die Kälte des Ortes.
Hier gibt es keine Wiese. Hier gibt es Steine, Schotter, Stacheldraht.
Für mich fühlt sich dieser Ort unsagbar kalt an. Das von manchen Dingen nichts bleiben durfte, führt mir deutlich vor Augen: Die Nazis wussten, was sie taten. Es scheint unmöglich, dass die Menschen nicht wussten, was hier geschah. Eines ist klar: Tausende, ja vermutlich gar Millionen waren in den Massenmord involviert und waren auf die eine oder andere Weise beteiligt. Buchenwald steht repräsentativ für die vielfache Beteiligung der deutschen Bevölkerung. Es liegt nicht nur in unmittelbarer Nähe zur Stadt Weimar. Mitarbeiter der Stadtverwaltung wussten sehr gut Bescheid. Spätestens als die Nazis damit anfingen, im Krematorium Leichen zu verbrennen und der beißende Gestank des Todes die Weimaraner täglich einholte, konnte niemand mehr leugnen, was hier passierte.
Für mich ist das unbegreiflich. Mir graut es vor lauter Entsetzen um das Wissen der Stadtbevölkerung. Das alles ist so monströs, so ekelerregend. Man wünscht sich, es wäre nur
ein schlimmer Traum. Während der Tour erfahren wir viel über das Leben im Lager: über Drangsalierungen, über spontane Gewaltausbrüche der Wärter, über Experimente an lebenden Menschen. Wir erfahren aber auch einiges über die zwischenmenschlichen Beziehungen unter den Gefangenen, über einzelne Momente des Widerstands gegen den Nazi-Terror und über die
Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee Anfang April 1945. Die Führung ist so anschaulich wie möglich gestaltet. So haben wir die Möglichkeit, persönliche Gegenstände ehemaliger Gefangener anzuschauen und zu berühren. Es wird uns genau erklärt, welche Funktion die jeweiligen Dinge hatten.
Für mich ist der emotionalste Moment, jener, in dem ich das ehemalige Krematorium betrete. Sämtliche Kachelöfen sind geöffnet. Man kann ins Innere schauen, in die Schlünde, die so
unfassbar viele menschliche Körper verschlungen haben. Mit mir im Raum sind zwei weitere Personen, die sichtbar ergriffen sind.
Ich warte, und irgendwann bin ich dann allein mit den Kachelöfen, finde ein bisschen Ruhe an diesem schrecklichen Ort. Äußere Ruhe, aber in mir arbeitet es. Wie soll man begreifen, was
so schwer zu begreifen ist? Ach, wen frage ich denn? Niemand weiß das.
Nach mehreren Stunden Führung durch das KZ haben wir am Ende noch die Gelegenheit, das Museum vor Ort zu besuchen. Das ist eine gute Gelegenheit, um die erhaltenen Informationen
noch besser in den Kontext setzen zu können. Hier kann man noch mehr Details über die Geschichte des Ortes erfahren. Ein willkommener Abschluss also, der die Sache abrundet, aber
letztendlich mein größtes Fragezeichen nicht aus der Welt schaffen kann: WARUM?

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