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Eine Homage an Django Reinhardt

Vor einiger Zeit flatterte eine CD in unsere Redaktion.  Hot Club d’Allemagne heißt sie, das neue Album des gleichnamigen Gypsy Jazz-Quartetts aus Leipzig.  Sofort war klar, dass es sich um die Musik Django Reinhardts drehen würde. Ohne mich näher mit Text und Titeln zu beschäftigen, erst einmal Musik. Mein erster Eindruck: sehr cool, frisch, motivierend. Ja, den Sound kenne ich ich vom Original.
Aber Moment mal, es ist ja keine reine Scheibe mit Django-Covern. Ein Grund mehr, sich das Album bis zum Ende anzuhören. 11 wirklich mitreißende Stücke. Mit zwei Stücken ist Django Reinhardt selbst vertreten, nicht persönlich aber sein Geist. Und noch etwas mach das Album zu einem besonderen Erlebnis. Ohne Overdubs, live im Studio in nur drei Tagen eingespielt. Das Alleinstellungsmerkmal des Hot Club d’Allemange. Hier schließen sich spieltechnisches Können und maximale emotionale Intensität nicht aus, sondern bedingen einander. Vier Stücke hat Kalle Vogel für die Platte komponiert, die gleichberechtigt neben zwei Nummern aus der Feder Django Reinhardts und Kompositionen des Great American Songbook-Zuarbeiters Walter Donaldson, des Swing Manouche-Erneuerers Dorado Schmitt und des Jazz-Pianisten Michel Petrucciani stehen. Das Fremdrepertoire wird von der bemerkenswerten Eigenschaft des Quartetts getragen, bekannte Stücke scheinbar mühelos so lebhaft zu arrangieren als wären sie gerade neu geboren worden. Darin zucken die feurigen Akkorde wie Blitze auf, die unmittelbar revitalisierend in die Knochen fahren.


Das 1934 von Django Reinhardt und Stéphane Grappelli gegründete »Quintette du Hot Club de France« war eine der ersten europäischen Jazzformationen welche, beeinflusst durch den amerikanischen Jazz und traditionelle Sinti-Musik, einen völlig neuen Jazzstil kreierte und somit wegweisend für viele folgende Musikergenerationen wurde.
Man kann eine Musikform, die bald mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel hat, natürlich strikt traditionsbewusst betrachten und ihr entsprechend mit ewiger Repertoirewiederholung museale Statik zuspielen. Aber die Verbindung aus traditioneller Sinti-Musik und amerikanischem Jazz widerspricht schon in ihrer DNA der Nostalgie. Dem Jazz wohnt seit jeher das Mandat inne, sentimentalen Rückblick mit neugieriger Vorausschau zu umgehen. Die vier Instrumentalisten des Hot Club d’Allemagne führen dieses Mandat auf ihrem neuen Album begeistert weiter aus: Mit erweitertem Melodienverständnis, größerem Dynamikumfang, Humor und in neuer Besetzung.
Vor drei Jahren stießen Gunter Pasler am Kontrabass und der Rhythmusgitarren-Spezialist Franziskus Sparsbrod zur Band, deren ursprünglichen Kern bereits 2002 der Gitarrist/Komponist Kalle Vogel und Geiger Thomas Prokein bildeten. Den Begriff Facelifting lehnt das Quartett im Rückblick auf die Neuformierung 2017 ab. Aber als Neudefinition ihrer Band wollen die vier Musiker den Personalwechsel gerne betrachtet wissen. Der zog mehr Energie, Professionalität und Intensität in der Auseinandersetzung mit der Musik nach sich.
Was wäre das Leben, was wäre die Liebe, von der der Gypsy Swing seit jeher in begeisternder Weise erzählt, ohne Augenzwinkern, ohne Humor? Dem trägt Kalle Vogels neues Stück „Pipers Walk“ in Form eines Zitats aus dem Pop-Gassenhauer „Day Tripper“ Rechnung. Aus dem Django-Werk wählten die Leipziger eher außergewöhnliche Kompositionen wie das beinahe avantgardistisch anmutende „Diminushing“ aus. Petruccianis „Looking Up“ wirkt in diesem Repertoire-Kontext wie ein Straight-Ahead-Jazz-Brückenschlag zu lateinamerikanisch beeinflussten Vogel-Nummern wie „Chicco“. Darin lustwandelt Thomas Prokeins 5-saitige Violine zwischen Gypsy Jazz und Samba. Die neue Musik des Hot Club d’Allemagne ist – und hier wird die Klischeekiste vorsichtig einen Spalt weit geöffnet – heiß. So heiß, dass Rauchschwaden das Albumcover zieren. Ob die vier Musiker ein bisschen ernst dreinschauen, weil sich die filterlose Gauloises im Zeitalter der Unsterblichkeit in den Mundwinkeln verbietet? Der feine Bruch zwischen Ernsthaftigkeit und Humor macht das Bild aus. Und die Musik des Hot Club d’Allemagne.

bernd schallenberg

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