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Netzwerktreffen der Freien Kulturszene Magdeburg – eine Reflextion

Das Netzwerktreffen fand auf Einladung des Kulturhauptstadtbüros Magdeburg 2025 statt. Text: Bernd Schallenberg

Themen waren u.a. Vernetzung, Freiräume, Finanzierbarkeit, Wahrnemung aber auch die Frage an das Kulturhauptstadtbüro, was man von der freien Kulturszene erwarte.

 

Vernetzung

Wozu brauche ich eine Netzwerkstelle? Wenn ich ein Projekt starte, habe ich meine Leute. Ja, mag sein. Sind diese denn immer bereit und in der Lage ein gemeinsames Projekt zu regeln. Ist es nicht auch befruchtend, wenn man sich mit unbekannten Menschen austauscht?

Ein Netzwerk ist notwendig, um eine Bewegung zu schaffen. Eine Bewegung schafft Mehrheiten und Mehrheiten verändern. Das weiß man.

Ein Netzwerk verlangt aber eine gewisse Koordination. Das berühmteste Netzwerk ist wohl das Spinnennetz. Es funktioniert ja nur deshalb, weil die Spinne es zusammenhält.

Deshalb ist eine Anlaufstelle für die freie Szene sinnvoll. Eine sehr kluge Idee, wie die Stadt ein Netzwerk entwickelt, ist das Familieninformationsbüro (FiB) in der Innenstadt. Dort gibt es ein kleines Team, welches alle Familienagehörige berät und sie dann an Spezialisten weiterleitet. Ebenso gibt es dort einen Still- und Wickelraum, der zu den Öffnugszeiten für junge Mütter uneingeschränkt zur Verfügung steht. Es entsteht ein freier Raum. Eventuell kann man das Kulturbüro der Stadt etwas umgestalten.

 

Umdenken: Kultur ist nicht benefit, Kultur ist Hefe und Gärung einer Stadt.

Eine Zäsur in der Kulturentwicklung der Stadt war ohne Zweifel die Streichung des Kulturjahres 2008. Das hat nachhaltigen Schaden angerichtet. Damals war man der Auffassung, daß Kultur freiwillig sei. Man kann es tun, muß es aber nicht. Genau darauf fundiert auch die Kulturcharta 2010 meines Erachtens.

Wenn es langfristig gelingt, die Kultur als Motor der Gesellschaft zu begreifen, werden sich auch Möglichkeiten für die Freie Szene ergeben. Gibt es einen gesunden Nährboden, kann Freie Kulzurszene ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig werden.

 

Ermöglicht endlich Freiräume!

Durch den Zusammenbruch der DDR brach auch die Industrie zusammen. Es entstanden sehr viele und sehr große Industriebrachen. Allein im Schwermaschinenbau verschwanden etwa 50.000 Arbeitsplätze hier in der Stadt. Das entspricht etwa einem Viertel der Stadtbevölkerung. Diese Flächen wurden im wahrsten Sinne des Wortes rekultiviert. Wie man weiß, bespielten Die Freien Kammerspiele fast 10 Jahre lang solche Brachflächen mit beachtlicher überregionaler Resonanz.

Noch bis vor wenigen Jahren wurden Industriebrachen kulturell genutzt, etwa das Altstädtische Krankenhaus mit dem Projekt Romantik 2.0 oder dem ehemaligen Gefängnis mit dem Projekt Sinnlichkeit. Inzwischen verschwinden die Flächen zusehens. Es entstehen stattdessen exklusive Wohnparks. Kunst und Kultur veschwinden fast. Dies verdrängt Kultur und blockiert kreative Ideen.

Es braucht mehr Räume innerhalb und außerhalb von Gebäuden - nicht zwingend noch einen weiteren Veranstaltungsort. Vielleicht greift man die Idee von Kulturhäusern aus der DDR wieder auf. Kulturorte für jedermann! z.B. Das Klubhaus Junger Talente. Heute ist es eine trostlose Ruine. Im Erdgeschoß war eine große Bühne, in der oberen Etage eine kleine, drum herum genügend Räume für alle möglichen Ideen.

 

Oder ganz besonders die vielen kleinen Kulturinseln wie den Fliederhof in Olvenstedt. Platte hin, Platte her, in fast jedem Innenhof gab es Begenungsräume, die jeder nutzen konnte. Auch diese sind fast alle verschwunden. Das hat selbstverständlich mit dem Wegzug größer Bevölkerungsteile aus Olvenstedt und dem dann folgenden Abriß zu tun. Ob es Alternativen gab, wissen wir nicht.

 

Und die schon öffentlich bespielten Flächen wie der Domplatz sollten auch der freien Szene zur Verfügung stehen. Daß das geht, konnte man in der Vergangenheit schon beobachten – allerdings nur in Ausnahmefällen.

 

Straßenkünstler sieht man übrigens in der Stadt eher selten.

 

Ja, es gibt sie, diese Orte. Forum Gestaltung, Moritzhof, Feuerwache Sudenburg, Thiem20. Aber es sind zu wenige.

Es braucht Räume wie das FiB, wo man sich ungezwungen treffen kann. Ok, man kann sich im Cafe oder in der Kneipe treffen. Das verlangt aber immer, daß man Geld ausgibt.

 

Wie wenig Kultur erträgt der Magdeburger?

Man kennt und mag die Akteure der Stadt. Aber will man sie denn auch wirklich das ganze Jahr sehen? In einem Gespräch kam das so durch: Ich kann mich maximal dreimal im Jahr hier in Magdeburg auf die Bühne begeben, dann haben die Leute auch genug.

Folglich, wenn es zu wenig kulturellen Nährboden gibt, findet sich auch niemand ein. Also ist denn Magdeburg für Kulturschaffende überhaupt attraktiv?

 

Finanzierbarkeit, Planungssicherheit.

Die Freie Szene lebt davon, daß man an keinen festen Ort und keinen festen Auftraggeber gebunden ist. Wenn man immer nur auftritt, um Geld zu verdienen, dann bleiben Kreativität und Spaß auf der Strecke. Aber will man sich ein Repertoir aufbauen, ein Theaterstück entwickeln, ein Kunstwerk schaffen, dann geht sehr viel Zeit ins Land. In dieser Zeit verdienen die wenigsten freien Künstler überhaupt irgend etwas. Auftragsproduktionen sind eben nicht in großen Mengen vorhanden.

 

Kleine Projekte lassen sich oft nicht realisieren, weil schlicht keine Möglichkeit besteht, unkompliziert Fördergelder zu beantragen. Man muß heute bereits wissen, was man 2020 im Sommer für ein Projekt machen möchte. So kann man Straßenbaumaßnahmen planen aber kein kleines Projekt, was von Spontanität lebt. Kultur ist aber nun mal recht spontan.

Ein Projektfond und eine Stelle, die Geld verteilen kann sind da hilfreich. Modelle hat der Kulutminister Reiner Robra schon auf den Weg gebracht.

Der Verein LanTze e.V. soll nach Vorstellung des Ministers die Verbindungsstelle zwischen Theaterleute in der Landesregierung sein. Diesem vertraut man auch das Geld an. Damit will man flache Strukturen schaffen.

 

Erschwerend kommt hinzu, daß die Förderperiode nur ein Jahr beträgt. Man kann heute Geld beantragen für ein Projekt im übernächsten Jahr, welches dann wiederum nur ein Jahr läuft. Und die Förderung der Stadt beschränkt sich auf Vereine. Freiberufliche Künstler haben es dadurch schwerer an Geld zukommen.

 

Gründet man ein Unternehmen oder will eine Wirtschaftsförderung beantragen, dann liegt dort eine Ertragsvorschau von drei Jahren bei. Das bringt auf beiden Seiten eine gewisse Planungssicherheit. Man kann abschätzen, ob das Projekt tragfähig sein und langfristig fortbestehen wird.

Das geht nicht, wenn man im Jahresrhythmus denken muß.

 

Ist Kultur Wirtschaft?

Ja und nein.

Ja, weil man mit dem Erlös seinen Lebensunterhalt bestreiten, Material einkaufen, Künstlersozialkasse sowie sämtliche Proejtkosten bezahlen muß. Überdies erfodert eine Freiberufliche Tätigkeit eine Anmeldung beim Finanzamt. Bis zu einer Umsatzgröße von ca. 18.000 Euro ist man von der Steuer befreit. Darüber werden Steuern fällig. Das ist bei einem kleinen Theaterensemble mit vier Vorstellungen im Monat mit etwa 20 Zuschauern sehr schnell erreicht.

 

Nein, weil kreative Arbeit nicht messbar ist.

 

 

Kultursteuer?

 

Kann man von Unternehmen in der Stadt eine Kulturabgabe verlangen, etwa wie die GEMA auf jeden CD-Rohling, Player, Computer? Ließe sich eine Kultursteuer bei jedem Touristen einnehmen, so wie es Kurorte machen? Das Geld könnte in dem schon genannten gesammelt werden und dann direkt an die freie Kultuszene vergeben werden. Das wäre fast ein Modell, wie es die Reformation mit der Gemeindeordnung eingeführt hat.

 

 

Haben wir überhaupt Projekte, die für das Thema Kulturhauptstadt geeignet sind? Wollen wir unsere Projekte überhaupt so aufpusten?

 

Die Kulturhauptstadtbewerbung soll die kleinen Projekte mitnehmen! Denn die Stadt lebt nicht nur von Openair-Veranstaltungen und Großevents, sondern insbesondere von den vielen tausend Miniprojekten. Da waren sich beim ersten Netzwerktreffen der Freien Kulturszene alle einig.

 

Wahrnehmung

 

….aus der kulturmd-Sicht

 

Wir hören immer wieder, es stand in der Volksstimme. Gut und wichtig.

Das Internetportal kulturmd.de existiert bereits 17 Jahre. Sinn und Zweck damals wie heute ist es Kultur in der Stadt aufzuspüren und in kurzen Filmen über das Internet zu verbreiten. Bis 2009 taten wir das über die benannte Webseite und zusätzlich über unser kulturmd-Lesemagazin, welches zwischen 2006 und 2009 15 mal erschien. Von den Lesern sehr beachtet, von der Kulturszene wahrgenommen, von der Volksstimme und anderen Printmedien bekämpft. Wir haben es eingestellt, weil wir in der Verbreitung unserer Filme über das lokale Kabelnetz eine große Chance sahen, Kultur sichtbarer zu machen.

 

Inzwischen erreichen wir etwa 100.000 Kabel-Haushalte in der Stadt. Wir können monatlich durchschnittlich 40.000 Besucher auf der Internetseite verzeichenen. Das hat sich seit Erscheinen der ersten Hefte unseres Magazins nicht geändert. Wir gehen regelmäßig auf Sendung. Die Themenpalette ist breit und bunt wie die Stadt selbst. Wir werden von vielen Zuschauern angesprochen: auf der Straße, im Supermarkt, beim Würtschengrillen in der Schule.

 

Es ist das abwechslungreiche Programm, weshalb die Leute uns ansprechen. Wir holen die Kultur aus der Ecke und bringen sie ins Wohnzimmer.

 

Aber immer noch sind wir relativ unbekannt in der Stadt. Zum Teil glauben wir, daß man uns heute wieder weniger kennt als früher. Woran kann das liegen? An uns, weil wir nicht jeden Termin veröffentlichen oder jede noch so kleine Ausstellung besuchen? An der Omnipräsenz der Tageszeitung?

Liegt es ebenso an der grenzenlosen Facebook-Nutzung? Daran, daß uns auch die freie Kulturszene nicht wirklich wahrnimmt? Oder versteht man nicht, was wir machen? Ist die Stadt denn schon reif für eine Kulturstadt und damit reif für ein Kulturfernsehen?

Vielleicht liegt es auch daran, daß wir nach wie vor bekämpft werden, anstatt kulturmd als Bereicherung für die Stadt zusehen.

 

Warum hat uns das Kulturhauptstadtbüro 2025 bisher nicht entdeckt?

 

Andererseits erfahren wir außerhalb Magdeburgs, etwa in Halle, im Harz und in Berlin und Hamburg, eine sehr große und sehr gute Resonanz auf das Kulturfernsehen aus Magdeburg. Es kommt schon vor, daß wir als kulturmd nach Amsterdam ins van Gogh-Museum eingeladen werden.

 

Wenn wir als Kultursender mit so einer Reichweite nicht bemerkt werden, wie soll denn bitteschön eine freie Kulturszene wahrgenommen werden, die noch dazu wenig organisiert ist? Wie will eine Freie Szene dann gehört werden?

 

Wahrnehmung untereinander

 

Schnell einen Tweet abgesetzt oder ein Facebook-Post. In der Freundesliste die, mit denen man am meisten zu tun hat. Immer auf dem Sprung zur nächsten halbleeren Hand für einen kleine Auftritt. Alles dreht sich immer schneller. Jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt. Am Ende merkt man nicht, daß man bestimmte Kontakte gar nicht mehr bedient – aus dem Display, aus dem Sinn.

Das Netzwerktreffen führte uns wieder etwas zusammen. Den Kultursender mit den Künstlern.