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Otto Nagel, 1894 im Berliner Arbeiterbezirk Wedding geboren, steht nach dem März-Streik 1921 auf der ‚schwarzen Liste‘. Der Kommunist und Arbeiter Nagel wählt nun den Weg als freier Künstler. Seine Kunst soll, wenn nötig, anklagen, aufrufen und auch begeistern. Er, der den Alltag der Arbeiter am eigenen Leibe gespürt hatte. Nagel zeichnet und malt diese seine Wirklichkeit, ein Autodidakt, der sich allmählich zum Künstler emporarbeitet. In Käthe Kollwitz und Heinrich Zille findet er Gleichgesinnte. Nagel malt das Schicksal, die Kraft und die Hoffnung des Proletariats in großformatigen Bildern. „Er hat Bilder, bei deren Anblick man vor Schmerz laut aufschreien könnte.“ so die Zeitung ‚Rote Fahne‘. 1924 bis 1925 gehört Nagel mit Käthe Kollwitz zu den Akteuren der Ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung, bei der deutsche Künstler im jungen Sowjetstaat ausstellen. Moskau, Saratow, Leningrad (einst Petersburg) sind die Stationen. Die Zeitungen berichten über das bedeutende Ereignis.

In Leningrad lebt die junge Walentina Nikitina, 1904 in einer bürgerlichen Familie geboren. In ihrer Autobiografie schreibt sie: „Nach dem Krieg kam die Revolution. Nun war auch für mich eine neue Zeit angebrochen. Und ich war so weit, vieles zu Begreifen und zu verstehen.“ Für die Mutter von Walentina begann ein sehr schwere Zeit. Denn „meine Brüder und Kameraden“ - sie hatte fünf- meine Freundinnen, „wir alle kamen in unserer Wohnung zusammen, um zu diskutieren. Wir sprachen über Literatur und besonders über Politik.“ Nach der Revolution kam der Bürgerkrieg. Eine Zeit, die von Hunger geprägt war. Eine neue Erfahrung für Walentina. „Wir waren wie aufgezogen, aber niemand hatte uns gesagt, Du musst das so machen. Ganz alleine mussten wir es wissen. Ja, es waren Jahre, die nicht einfach waren.“ In dieser unruhigen Zeit nutzt Walentina die Chance und geht nach einer kurzen Ausbildung als Sängerin und Schauspielerin ans Theater. Ihr Bruder Loschka ging zeitgleich an die Front. „Ich wollte zum Theater, denn es galt, das Neue zu verkünden und Loschka ging, um für eine neue Zeit zu kämpfen.

Erste Allgemeine Deutsche Kunstausstellung: Walentina ist neugierig auf diese Kunst. Moderne deutsche Kunst. „Unsere Jugend brannte damals nach etwas neuem, nach neuen Erlebnissen. Vorher waren wir zu sehr eingeengt. Auf einmal gingen wir mit großen Elan vorwärts und die Neue Zeit riss uns mit. Schon ab acht Uhr morgens stellten sich die Menschen an, um die Ausstellung zu sehen.“

Auch Walentina und ihre Freundinnen, obwohl die Mama es nicht wollte.

Nun treffen sich zwei Seelenverwandte in den Ausstellungsräumen in Leningrad. Beide lesen Dostojewski, Gorki und Zola. Otto Nagel, Anfang 30 aus dem Weddinger Arbeitermilieu, Kommunist, erlebte die Industrialisierung, den ersten Weltkrieg, das Ende des Kaiserreichs, die Weimarer Republik. 1924 seine erste Reise in die Sowjetunion. Otto vom Leben im Wedding gezeichnet kaufte sich seine Bücher in der Brockensammlung für fünf Pfennige. Walentina, 21 Jahre jung, aus einer bürgerlichen Familie, im russisch-orthodoxen Glauben erzogen, lebte im jungen Staat Sowjetunion nach Revolution und Bürgerkrieg. Otto nimmt Walentina wenige Wochen nach ihrem Kennenlernen mit nach Deutschland. Für sie die Chance mit der Flucht nach den schweren Jahren alles hinter sich zu lassen. Nicht jedes junge Mädchen konnte das Land verlassen. Auch für Walentina war es sehr schwierig.

Im Wedding fangen die beiden ihr gemeinsames Leben an. Hier in diesem düsteren, traurigen Mietshaus, wie es Walentina später nennt, lebt das junge Paar. Herbst 1926, die erste eigen Wohnung für die junge Familie Nagel in der Turiner Straße im Wedding. Über 50 Künstler wie Otto Dix, George Grosz, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Hans Baluschek, aber auch Kunstkritiker verschiedener Zeitungen richteten an den Oberbürgermeister eine Petition und baten um eine Wohnung. Ein Altbau, zwei Zimmer im vierten Stock und Millionen von Wanzen, wie Walentina schrieb. Aber der Optimismus von Otto Nagel war groß. Hier lebten sie mit dessen Tochter Lotte, geboren 1916. In der Berliner Stube war das Atelier. Freunde kamen zum diskutieren über die Kunst und die Zeiten.

Das Familienglück wähnt nur kurz. 1930 scheitert Lotte an dem sie umgebenen Milieu. Den Freitod verarbeitet Nagel in Bildern.

Ab 1933: Politische Verfolgung, entarteter Künstler, Vernichtung der sozialkritischen Werke durch die SA und Gestapo. „Berlin wird ab heute mein Freiluftatelier.“ sagt Otto Nagel. Straßen, Plätze und Höfe der Berliner Arbeiterbezirke als Motive seiner Pastelle. Selbstbildnisse: seine Gesichtszüge zeigen Haltung, Entsetzen, Trotz und Verbitterung. Widerstand, Juden verstecken, private Malschule als politischer Ort, Verhaftungen, KZ. 1937 bis 1945 Walentina und Otto müssen immer wieder ins Exil. 1943 in Forst in der Lausitz erblickt am 12. August ihre Tochter Sybille der Licht der Welt – mitten im Krieg.

1945 sind gut drei Viertel der Werke zerstört oder verschollen. Otto Nagel wählt den Weg, die DDR mit aufzubauen. Engagierter Kulturpolitiker, Mitgründer des Kulturbundes in Potsdam, Vizepräsident und später Präsident der AdK der DDR. Auch wenn Otto Nagel 1967 starb, seine Weggefährtin Walentina führte sein Werk fort, sei es mit ihren Plänen für ein Otto-Nagel-Haus oder durch zahlreiche Publikationen.

Am Märkischen Ufer malte Otto Nagel 1942 einen Hauseingang mit Treppe. Für seine Frau der Ort für ein Otto-Nagel-Haus. Eine lebendiger Ort mit einer ständigen Ausstellung zum Leben und Werk des Künstlers. Erich Honecker selbst, der Staatsratsvorsitzende der DDR, eröffnete das Haus 1973. Wechselnde Sonderausstellungen und ein offenes Angebot für Kunstinteressierte im Dachgeschoss machten das Haus zu einem vielbeachteten Angebot in Ost-Berlin. Der eine Ort meiner Kindheit. Meine Eltern leiteten es voller Engagement. Hier konnte ich die zahlreichen Bilder meines Großvaters sehen. Wie groß müssen diese als Kind auf mich gewirkt haben?

Und das Haus mit Nagels Atelier in Berlin-Biesdorf in der Otto-Nagel-Straße? Meine Großmutter Walentina lebte an einem Ort, an dem es so viel zu entdecken gab. Es öffnete mir schon früh die Welt des Künstlers. Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal die wenigen Stufen zum großen Licht durchfluteten Atelier hinunter ging. Aber ich war wohl noch sehr klein. Hier roch es überall nach Farbe. Die Staffelei und die Palette warteten auf die Rückkehr des Malers. Einen Großvater hatte ich nicht. Es gab nur den Künstler Otto Nagel in unserer Familie.

Rückblick: Seit 1967 wollen die Erben den künstlerischen Nachlass von Otto Nagel pflegen. Mit dem Ost-Berliner Oberbürgermeister Herbert Fechner handelt Walentina Nagel deshalb einen umfangreichen Vertrag aus, der für beide Seiten zufriedenstellend scheint. So heißt es im § 2 „In Übereinstimmung mit dem Wunsch des Erblassers übergibt die Erbin den gesamten künstlerischen Nachlass als ständige Dauerleihgabe unentgeltlich an den Magistrat von Groß-Berlin.“ Weiter heißt es, dass das Werk Otto Nagels zusammen mit der AdK zu pflegen ist, wissenschaftlich aufbereitet und vor allem der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Walli Nagel und ihre Tochter als spätere Erbin unterzeichnen am 27. Oktober 1972 mit dem Oberbürgermeister den Vertrag. Das war der erste Schritt für das Otto-Nagel-Haus - geführt von der Familie bis 1979.

Die Kulturpolitik der DDR verfolgt später andere Interessen. Kunst im Eigentum der DDR. Was sich in den Museen befindet, ist zu Volkseigentum zu erheben, salopp gesprochen. Alle zahlen am Ende einen sehr hohen Preis. Die Familie zerrüttet, der Nachlass im wesentlichen staatlich entzogen. Aber es bleibt das Vermächtnis meiner Großeltern: Otto und Walentina Nagel. Auch wenn beide nahezu in der heutigen Kunstwelt vergessen sind. Salka Schallenberg, 12.6.2021

 

In Erinnerung an meine Großeltern Walentina Nagel (13.6.1904-23.10.1983) und Otto Nagel (27.9.1894-12.7.1967)