Jazz-CDs

    Debütalbum über Transformation, Identität und die Kraft der Verwandlung


    Meinen ersten Eindruck gewinne ich immer über das Hören. Ich will herausfinden, wie die Musik auf mich wirkt, ob sie mich sofort mitnimmt oder ob ich tiefer eintauchen muss. Bei dem Debütalbum des Gitarristen und Komponisten Enrico Olivanti ist letzteres der Fall. Der erste Eindruck: sehr hörenswert, jedoch sollte man es unbedingt mehrfach und dann auch recht laut hören, damit alle Facetten wahrgenommen werden können. Der wohl wichtigere Eindruck ist der, dass Musik eigentlich eine grenzenlose Sprache ist. Dem Jazz ist ja grundsätzlich eigen, sich über Genre-Grenzen hinwegzusetzen.
    Mir begegnet ein Sound der mal ein wenig an Fusion eines Mahawishnu-Orchesters erinnert (Yawahoo Nee Nee) oder mal etwas an Mike Oldfields Tubular Bells (City Lights). Es erklingen im Wechsel oder gleichzeitig Elemente des Tango, brasilianischer Rhythmik, der Jazz-Improvisation und mediterrane Melodien. Dann offenbaren sich sinfonische Elemente, die sich in die elektronischen Klanglandschaften einbetten. Und schließlich haucht sogar ein wenig Spirit  á la Stockhausen aus dem Lautsprecher. Die Übergänge sind nahtlos. Jeder Stilwechsel ist eine Verwandlung – ein Durchgang von einer Welt in eine andere. Transformation bildet das zentrale Thema dieses Albums – nicht als abstraktes Konzept, sondern als gelebte künstlerische Erfahrung. 
    „Wenn Musik nicht nur klingt, sondern verwandelt – dann ist sie angekommen“, lese ich in der Ankündigung zur CD. Mit seinem Debütalbum “Big Mama Society” (XJAZZ! Music / erschienen am 16. Oktober 2026) präsentiert der italienische Komponist, Gitarrist und Produzent Enrico Olivanti eines der ambitioniertesten und vielschichtigsten Projekte der aktuellen europäischen Jazzszene: ein zehnköpfiges multikulturelles Ensemble, das Grenzen zwischen Genres, Kulturen und Klangwelten nicht überbrückt, sondern aufhebt. Als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden und Träger des DAAD-Stipendiums verbindet er akademische Tiefe mit unverkennbar persönlicher Stimme. Die Themen des Albums – Migration, Individuation, spirituelle Verwirklichung, Akzeptanz des Wandels – sind keine abstrakten Ideen, sondern Kapitel seiner eigenen Geschichte.

     

    bernd schallenberg